Roh oder fertig gegart?

Bei diesem durchaus irreführend formulierten Titel würde man erwarten, Informationen über eine gesunde Ernährung zu  erfahren. Ob man Hackfleisch roh essen sollte oder nicht hängt für mich jedoch vom Geschmack ab. Eine Frage des Geschmacks ist es aber nicht, wenn man sich zum Thema Fotografie mit der Frage aus dem Titel auseinandersetzt. Denn es ist eine fundamentale Entscheidung der Kamera zu überlassen wie ein Bild später aussehen soll, oder eben nicht. Tut man dies, dann kommt dabei in der Regel eine für jeden nutzbare JPEG-Datei heraus. Das ist durchaus sinnvoll für Schnappschüsse oder auch besonders für Reportagefotografen, die möglichst schnell ein unbearbeitetes Bild haben wollen. Auch für Urlaubsbilder ist dies eine gängige Variante.

Hegt man jedoch Ambitionen, Fotos etwas künstlerisch zu interpretieren, so nah wie möglich an die Realität heran zu kommen oder die Qualitäten einer modernen Kamera vollständig auszunutzen, sollte man so wenig die Möglichkeiten der Kamera nutzen und das Foto im Rohformat speichern. Solche Dateien werden auch RAW-Dateien genannt, weil „roh“ auf Englisch eben „raw“ heißt. Diese Dateien sind völlig unbearbeitet und entsprechen der Sicht des Kamerasensors zum Zeitpunkt der Aufnahme. Das sieht meistens recht langweilig aus und ist nicht für die Nutzung gedacht und zudem sind die Dateien ziemlich groß. Deshalb müssen diese im Anschluss noch in ein Ausgabeformat konvertiert werden und bei Bedarf werden bei dieser Entwicklung zum Endergebnis eben noch diverse Anpassungen gemacht. Genau so wie das zu Analogzeiten eben auch mit der Entwicklung vom Negativ zum Fotoabzug geschah.

Out of Camera Bild der Nikon D5300
Dieses Foto mit hohem Dynamikumfang wird von der Kamera mit dem Profil „Landschaft“ und der Einstellung Active D-Lighting auf „Extrastark“ so als JPEG ausgegeben.

Dieser Konvertierungsvorgang zum Endergebnis wird automatisch von der Kamera vollzogen, wenn man sich entscheidet mit der Kamera nur JPEG-Dateien zu erzeugen. In diesem Sinne ist eine Kamera ebenso ein RAW-Konverter. Allerdings hat man auf diesen Konverter nur wenig Einfluss. Man kann etwas die Sättigung, Schärfe und andere Einstellungen in wenigen Stufen anpassen. Um den Dynamikumfang der Kamera etwas mehr auszunutzen gibt es dann sowas wie Active D-Lighting bei Nikon, welches die Schatten und Licher automatisch anpasst. Wenn man will, kann man heutzutage sogar HDR-Bilder in der Kamera erzeugen. Aber bei all den Anpassungen und dem Aufwand die Kamera so anzupassen, dass das Endresultat gefällt, verliert man womöglich das Motiv und die Zeit aus dem Auge. Man würde sich doch eher mit der Kamera als der Fotografie selbst beschäftigen.

Deshalb ist es für viele Fotografen sinnvoller sich auf das Einstellen der Blende, Verschlusszeit und der Komposition des Bildes zu konzentrieren und die Bildwirkung am Computer zu finalisieren, indem man in der Kamera nur RAW-Dateien erzeugt. Ein weiterer Vorteil ist, dass man sich ob der schieren Datenmenge (bei 24 Megapixel ist eine Datei etwa 20 MB groß) eventuell dafür entscheidet auch bewusster zu fotografieren, da man all die großen Dateien ja sonst erst einmal bearbeiten muss und das je nach Hard- und Software-Ausstattung bei größeren Dateien durchaus länger dauern kann. Ich stelle auch für mich persönlich immer wieder fest, dass die Entscheidung doch nicht der Kamera alles zu überlassen, genau die Richtige war.

Apfelbaum mit Aussicht
Dieses Bild wurde mit dem Automatik Modus (Belichtung, HDR, Tonwerte) von Capture One erzeugt.

Für die Entwicklung von RAW-Dateien am Computer gibt es viele verschiedene Programme mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Die mitgelieferte Software von Nikon (Capture NX-D) kann man ziemlich vergessen, denn sie ist unergonomisch und recht langsam. Da sie jedoch kostenlos ist, kann man sie als Einstiegsmöglichkeit in die Welt der RAW-Bearbeitung nutzen. Ich habe mich nach langer Suche und dem Ausprobieren verschiedener Software für Capture One Pro (C1) von Phase One entschieden. Dies ist einer der derzeit besten RAW-Entwickler mit einzigartigen Features die mich überzeugt haben. Das Beste ist natürlich, dass es nicht von Adobe kommt ;-). Selbst die mit der Automatik in C1 angepassten Fotos sehen besser aus, als das was aus der Kamera direkt kommt. Das ist auch logisch, schließlich kann die Software die volle Power der CPU aus dem Rechner nutzen und ausgeklügeltere Algorithmen anwenden, als das die Kamera bei der Konvertierung von RAW nach JPEG. Wenn man noch etwas Zeit in die weitere Bearbeitung, Color Grading, lokale Anpassungen und so weiter steckt, kommt man dem Ergebnis, welches einem direkt vorschwebt doch ziemlich nahe.

Apfelbaum mit Aussicht
Meine Variante des Apfelbaums mit ein paar Änderungen. Das Bild transportiert die mir vorschwebende Stimmung besser als die Automatismen der Kamera oder von Capture One.

Alles in allem kann ich nur jedem Empfehlen, der sich intensiver mit dem Thema Fotografie beschäftigen möchte, gleich auf das Fotografieren in RAW zu setzen. Denn mal abgesehen vom größeren Speicherplatzbedarf, bietet es nur Vorteile. Selbst wenn man mit den JPEG-Versionen der Kamera zufrieden ist, kann man diese Ergebnisse mit der Bearbeitungssoftware der Kamerahersteller auf einen Klick aus dem RAW heraus im Nachgang generieren. Deshalb sollte die Frage eher nicht „Roh oder fertig gegart?“ lauten, sondern „Wie gare ich meine rohen Zutaten?“.

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